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16. Oktober 1998

Von Kaiserbesuchen und Buchbinderlehrlingen

Gästebücher im Friedenssaal des Rathauses sind Zeitdokumente


Im Einband dieser Gästebücher steckt viel handwerkliches Können: Helmut Sandjohann (li.) und Hermann Joost aus der städtischen Buchbinderei.
Wenn am 24. Oktober 1998 die Staatsoberhäupter Europas im Friedenssaal des münsterschen Rathauses versammelt sind, werden sie eines ganz bestimmt tun: Sie tragen sich in das mit kunstvoller Goldschmiede- und Juwelierarbeit verzierte Goldene Buch der Stadt ein. Die anderen Gästebücher stammen aus der eigenen Buchbinderei der Stadt - eines ist für die vielen Besucher, die Tag für Tag die Ratskammer besichtigen bestimmt, ein weiteres für die Empfänge von Gästegruppen.

Die Geschichte des Goldenen Buches beginnt 1907 mit einem Besuch von Kaiser Wilhelm II. Zu diesem Anlaß wurde der erste der mit Gold und Edelsteinen besetzten Bände vom münsterschen Juwelier Bernhard Osthues hergestellt. Der Juwelier schenkte der Stadt das kostbare Stück und begründete damit eine Tradition: Bisher wurden alle Goldenen Bücher - das vierte ist in Benutzung - von seiner Familie gestiftet. Kontinuität auch bei den Papierarbeiten: Sie wurden stets von der Buchbinderei Friedrich Dürselen ausgeführt. Wenn die Bände mit den Namen berühmter Persönlichkeiten, Majestäten, Politiker und anderer Prominenter ausgefüllt sind, nimmt das Stadtarchiv Münster sie auf.

Nicht jeder darf ins Goldene Buch
Das Goldene Buch wird nur für besondere Gäste der Stadt aus dem Tresor geholt. Alle anderen Besucher schreiben - wenn sie mögen - ihren Namen, ihren Herkunftsort und das Datum in ein schweres Album mit Schweinslederrücken. Es ist von einfacherer Machart als die Goldenen Bücher und wird in der städtischen Buchbinderei hergestellt. Aber auch diese schlichteren Folianten weisen handwerkliche Finessen auf: "Damit die Bände aufgeschlagen flach liegen, müssen sie so gebunden sein, daß der Rücken beim Öffnen zurückspringt", erklären Helmut Sandjohann und Hermann Joost aus der städtischen Buchbinderei. "Auf diese Art wurden früher Geschäftsbücher gebunden, bei denen die Seiten auf der ganzen Breite beschrieben werden mußten."

Nicht genug mit dem Goldenen Buch und dem gewöhnlichen Gästebuch - in der Rüstkammer des Rathauses wird ein drittes Buch aufbewahrt, in das sich ausschließlich von der Stadt eingeladene Gruppen eintragen. Seine Deckel sind mit roter Seide bezogen, die sichtbaren Kanten der Blätter - der Schnitt - ist rot eingefärbt. Auch dieses Buch wird in der Buchbinderei der Stadt hergestellt. "An den Gästebüchern haben hier immer die Auszubildenden gelernt, wie Bücher handwerklich sauber gebunden werden," erklären die städtischen Buchbinder. "Das ist bei uns Tradition - und der oder die nächste Auszubildende wird es auf ähnliche Art lernen."

Die "Namen aller Fremden"
Der Ursprung der Gästebücher reicht noch weiter zurück als der des Goldenen Buches: Als Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. am 14 September 1817 das Rathaus besuchte, gab er die Order, der "Rathauswärter" solle dafür sorgen, "daß in der Folge alle den Friedenssaal besichtigenden Fremden ihre Namen in gegenwärtiges Buch einzeichnen". Und so füllten im Laufe der Zeit unzählige Besucher in der historischen Ratskammer Seite für Seite. Seit 1930 haben sie damit 75 Bücher gefüllt, die in den reichbeschnitzten Schränken des Saalgestühls lagern. Die Gästebücher sind ein Spiegel ihrer Zeit - trugen sich in den älteren Büchern noch überwiegend Gäste aus deutschen Landen ein, sind in den jüngeren Ausgaben Namen aus aller Herren Länder zu finden, von Nordamerika bis Südafrika, aus Rußland wie aus der Karibik.


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